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  • AutorenbildManuel Schmerer

Allem gerecht werden im Entgrenzungs-Alltag

Jeden Tag zur Arbeit, Beziehung oder Ehe, Kinder und Enkelkinder, Haus und Garten, Haushalt, Pflege oder Unterstützung der Eltern, Sport und körperlich fit bleiben, sich gesund ernähren und frisch kochen, Umgang mit eigenen Erkrankungen, soziale Kontakte pflegen, Einkaufen, Nachgehen von Hobbies, Vereine, Ehrenamt, Termin beim Arzt, Steuererklärung, Probleme mit dem Auto...


... ja, im Alltag wird es oft nicht langweilig, das Leben hat einiges zu bieten. Und selbst wenn man einigen dieser Bereiche gerne nachgeht, kosten sie Ressourcen - darunter Zeit und Energie. Diese persönlichen Ressourcen sind bekanntermaßen begrenzt... gleichzeitig sind die Anforderungen hoch... die Voraussetzungen für ein zentrales Dilemma unserer Zeit sind damit geschaffen.


Der schmale Grat

Grundsätzlich sind hohe Anforderungen nicht schlecht. Die Frage ist: Wie hoch sind sie gemessen an der eigenen Kapazität.

-Wenn die Anforderungen sehr niedrig sind, können wir unterfordert und gelangweilt sein, was auf Dauer für viele kein guter Zustand ist. Die erbrachte Leistung ist in diesem Zustand eher niedrig.

-Dann gibt es diesen optimalen Mittel-Bereich: Stehen Anforderungen und eigene Kapazität in gutem Verhältnis, dann sind wir aktiviert und motiviert. Die erbrachte Leistung ist in diesem Bereich eher hoch.

-Übersteigen die Anforderungen die Kapazitäten zu sehr, sind wir überfordert, demotiviert und die erbrachte Leistung ist eher niedrig.


Man kann also vermuten, dass es diesen schmalen Grat zwischen Unter- und Überforderung gibt, in dem wir optimal gefordert werden, wir Energie mobilisieren, Leistung erbringen, vielleicht sogar Spaß an der Anforderung haben. Viele Leute, die ich treffe, haben diesen Optimal-Bereich jedoch bereits verlassen und sind eher überfordert.


Die Entwicklung der Überforderung

Wenn ich mit Menschen rekonstruiere, wie sich ihre Überforderung entwickelt hat, höre ich sehr häufig, dass Anforderungen höher geworden sind im Laufe der Zeit - entweder schlagartig oder langsam zunehmend. Viele erzählen mir, dass im Laufe des Lebens die vielschichtigen Anforderungen eher zugenommen haben... was vielleicht auch erklärbar macht, warum einige mir dann sagen, das Leben war mit 20 deutlich unbeschwerter als möglicherweise jetzt. Das heißt für viele Menschen geht die Anforderungskurve eher hoch.

Das Gleiche gilt allerdings in aller Regel nicht für die eigene Leistungsfähigkeit: Durch das Älterwerden, durch Erkrankungen, durch zunehmendes Überforderungserleben und noch mehr geht bei vielen Menschen die eigene Leistungsfähigkeit eher abwärts im Laufe der Lebensjahre. Und irgendwann übersteigt das Eine das Andere.


Der Es-ist-nie-genug-Alltag...

oder war es der Ich-bin-nicht-genug-Alltag?

So betrachtet könnte man es den Entgrenzungs-Alltag nennen: Im Alltag vieler Menschen werden vielfältige Anforderungen an sie getragen, wie anfangs aufgezählt - diese Anforderungen fragen an dieser Stelle jedoch nicht, ob man sie erfüllen könne gemessen an den eigenen Kapazitäten (z.B. Energie und Zeit). Meist werden Anforderungen einfach an uns gestellt... sei es durch andere Menschen... oder durch sich verändernde Umstände (z.B. die Erkrankung von Eltern, um die man sich nun kümmern muss)... oder durch einen selbst (selbst definierte Ziele und Ansprüche). In diesem komplexen Alltag mit den komplexen Anforderungen, die innerlich und äußerlich geschaffen werden, geht es meist nur sehr wenig um die eigenen Grenzen und die eigenen Kapazitäten. Wie häufig haben Sie von jemandem, der eine Anforderung an Sie formuliert hat (z.B. Kollege oder Chef) zuerst die Frage gehört, ob Sie das schaffen? Viele Menschen, die ich treffe, eher selten.

Das heißt oft in der Konsequenz auch, dass der Alltag eine starke Einladung darstellt, über die eigenen Grenzen hinauszugehen - weil es im Dienste der Leistung und der Erfüllung von Anforderungen auch gute Gründe gibt, über diese Grenzen zu gehen: für das Erfüllen von Pflichten, die Anerkennung, Status, materieller Wohlstand, Zufriedenheit von Anderen, Zuschreibungen von Anderen wie "hilfsbereit" oder "Teamplayer", Selbstwert, und so weiter. Selbstverständlich spielen hier auch gesellschaftliche/kulturelle Ideale und Werte eine starke Rolle. Was betrachte ich überhaupt als "richtig" und erstrebenswert im Leben und woher habe ich diese Idee? Was "muss" ich machen? Dies sind oft komplexe Fragen, die da auftauchen, die diesen Beitrag an der Stelle sprengen würden. Lassen Sie mich hier nur so viel behaupten: Ich glaube, unsere individualistische und materialistische Kultur lädt sehr stark dazu ein aus allen möglichen Richtungen, dass wir über Grenzen gehen. Fast so, als würde es diese Grenzen gar nicht geben - daher der Begriff Entgrenzungs-Alltag.

Auch hier zitiere ich wieder Gunther Schmidt, der das Ganze mal den Es-ist-nie-genug-Alltag nannte. Auch diese Bezeichnung finde ich sehr ansprechend, denn für viele Menschen ist das ein Grundgefühl, das sich permanent einstellt: "Egal, wie sehr ich mich heute anstrenge, ich habe mal wieder nicht alles geschafft - ich hätte noch XY erledigen können, hätte ich mehr Kraft oder Zeit gehabt", sind Sätze, die ich schon oft gehört habe. Mal wieder nicht allem gerecht geworden. Schnell führt dieser Es-ist-nie-genug-Alltag dann zu einem Ich-bin-nicht-genug-Alltag.


Genug sein oder genug (zu tun) haben

Wie häufig sind Sie abends ins Bett gegangen mit einem Gefühl von Zufriedenheit über die erbrachte Leistung am Tag? Und wie oft gingen Sie ins Bett mit einem Gefühl von Unzufriedenheit, Unwohlsein, Anspannung... mit einem "ich hätte noch..."? Für viele Menschen überwiegt das Letztere. Der ich-bin-nicht-genug-Alltag. Hinzu mag noch kommen, dass man "früher" vielleicht mal in der Lage war, mehr (alles?) zu schaffen - wie oben erwähnt, die Leistungskurve ist nicht gleichbleibend. D.h. aus der eigenen Vergangenheit könnte man sogar die Situation gewohnt sein, viel mehr zu schaffen, was das aktuelle Defizit noch deutlicher macht. Und da viele von uns (das unterstelle ich jetzt mal) sich über Leistung definieren ("ich bin gut/wertvoll/..., wenn ich leiste"), kratzt das schnell an Selbstwert, wenn man feststellt, die Anforderungen übersteigen die Kapazitäten und das tatsächlich Geleistete. Viele wollen es allen recht machen und allem gerecht werden - und das aus guten Gründen! Verkürzt gesagt: Wenn es gelingt, alles zu schaffen... dann ist das ja meist auch super. Hohe Leistung ist wertvoll. Das Problem entsteht, wenn man es eben nicht erreicht. Dann ist die Frage, wie geht man mit diesem Defizit um?

Nicht wenige reagieren an dieser Stelle mit Druck und sagen sich, sie sollten sich mehr zusammenreißen, mehr anstrengen, sich vielleicht nicht so blöd anstellen, nicht so viele (Ruhe-)Pausen machen. Und bis zu einem gewissen Grad ist dies ja auch leistungssteigernd: wir können über Grenzen hinausgehen, wir können uns noch ein paar Prozent mehr abverlangen. Vielleicht auch verbunden mit der Idee, Morgen werde es ja besser und man könne sich extra Ruhe gönnen als Ausgleich. Wenn das möglich ist: sehr gut. Ich kenne leider viele, bei denen "Morgen" immer wieder aufgeschoben wird, sodass das eigene Überforderungserleben zum Dauerzustand wird.

Ein Vergleich, den ich an dieser Stelle gerne anbringe: Mit den eigenen Kapazitäten ist es wie mit dem Konto - wir nehmen etwas ein (Schlaf, Regeneration), wir geben etwas aus (Aufgaben, Arbeit, Sport). Am Ende des Tages ist die Frage, wie ist die Bilanz? Nun ist es so, wenn wir mal rote Zahlen schreiben, mag das nicht gravierend sein - immerhin hat man einen Dispo (= es gibt einen Spielraum über die eigenen Grenzen hinaus). Was passiert, wenn ich zu oft und zu viel überziehe? Die Bank ruft an und sagt "du überziehst zu viel"!

Bei vielen Menschen ist "die Bank" letztlich der eigene Körper/Organismus (oder zumindest ein unwillkürlicher Teil des Menschen), der Rückmeldungen aller Art senden kann, die kommunizieren, dass man über eigene Kapazitäten hinaus lebt. Die Schwierigkeit ist jedoch, dass es wie bereits erwähnt gute Gründe gibt, über eigene Grenzen im Dienste der Anforderungen zu gehen. Und so ignorieren viele über lange Zeiträume die körperlichen Rückmeldungen. So lange, bis die Rückmeldungen der eigenen Überforderung nicht mehr ignoriert werden können unter Umständen. Die "Bank" macht sich bemerkbar, so oder so.

Ein Bankangestellter, dem ich diesen Vergleich erzählte, erweiterte das Bild auf eine spannende Art: Er sagte nämlich, wieviel Dispo einem die Bank gewährt, hängt von der eigenen Kreditwürdigkeit ab. D.h. in diesem Bild denkend könnte man sich die spannende Frage stellen: Welche Kreditwürdigkeit genieße ich in den Augen des eigenen Körpers/Organismus? Habe ich den Eindruck in Vergangenheit vermittelt "keine Sorge, ich zahle zuverlässig die Überziehung zurück" oder eher "einmal überzogen, immer überzogen"?


Mit dieser Überlegung möchte ich Sie gerne zurücklassen. Aber vorher möchte ich nochmal betonen: Es gibt Unmengen an Einladungen und guter Gründe im Alltag, das eigene "Konto" zu überziehen (=über Grenzen zu gehen). Verstehen Sie diese Fragen mit der Kreditwürdigkeit eben nicht als Behauptung, man müsse einfach mehr auf seine Grenzen achten und damit ist das Problem gelöst. Im Gegenteil. Viele Menschen, die ich treffe, erleben sich erheblich fremdbestimmt und können nur begrenzt viel ändern. Daher ist die Idee, das eigene Konto nicht zu überziehen, gar nicht so einfach umzusetzen. Damit sind wir wieder beim Es-ist-nie-genug-Alltag, dessen (wichtige) Anforderungen balanciert werden müssen mit den eigenen Kapazitäten/dem eigenen Konto.


Ein zentraler Punkt, den ich hier noch unterstreichen möchte: Ich möchte Sie dafür gewinnen, ihren Blick zu schärfen, wie stark der Kontext, in dem man lebt (der Alltag), einen zur Überforderung einladen kann. Das finde ich deswegen wichtig, weil ich meiner Meinung nach zu viele treffe, die die eigene Überforderung als Resultat persönlichen Versagens oder eigener Schwäche sehen. Das führt dann zu Selbstzweifeln, Selbstabwertungen, etc. Diese Sichtweise finde ich aber zu unvollständig! Aus systemischer Sicht lädt der Alltag massiv zur Überforderung ein!


Vielen Dank für's Lesen.


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