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  • AutorenbildManuel Schmerer

Der Schritt in die psychosomatische Reha - wofür kann's nützen?

Aktualisiert: 2. Okt. 2022

Viele Menschen, mit denen ich in der psychosomatischen Reha arbeite, erzählen mir, sie haben eine lange Zeit überlegt, den Schritt in die Reha zu machen, ehe sie ihn letztlich gemacht haben. Vermutlich gibt es viele Menschen, die sich mit genau dieser Überlegung auch gerade beschäftigen. Daher wollte ich aus meiner Erfahrung und meinem Verständnis von Reha einige Aspekte anbieten, die mir wichtig erscheinen. Ich denke, vieles von dem, was ich sagen werde, trifft auf Akutpsychosomatiken oder andere klinisch-stationäre Settings ebenso zu.


Was macht man da?

Populäre Vorurteile sagen, Reha sei Urlaub. Tatsächlich (bei aller Entspannung, um die es in Reha natürlich auch geht) kann Reha aber durchaus harte Arbeit sein. Für die meisten nicht vorrangig körperlich, sondern psychisch, da man sich mit bedeutungsvollen und zum Teil belastenden Themen auseinandersetzt. Nach einem Aufnahmegespräch, in dem die aktuelle Situation und angestrebten Ziele angeschaut und erarbeitet werden, kann der/die Rehabilitand/in meist aus verschiedenen Therapien (teilweise) wählen: Sporttherapie (bspw. in der Halle, im Wasser oder draußen in Form von Wandern), Physiotherapie (bspw. Krankengymnastik, Massage), Entspannungstherapie, Ergotherapie (bspw. kreatives Gestalten oder Malen), und Psychotherapie (einzeln und in Gruppen). Teilweise können auch besondere therapeutische Angebote genutzt werden wie Bogenschießen, Reiten, Bouldern. Also eine bunte Mischung aus Möglichkeiten.


Kann ich das nicht auch ambulant zu Hause machen?

Das ist eine gute Frage. 3 Punkte möchte ich vorschlagen, die ich in dieser Abwägung wichtig finde:

1. Für viele Menschen ist der Abstand zum Alltag enorm hilfreich, was auch einen Abstand bedeutet zu den Kontexten, Beziehungskonstellationen, usw., in denen die erlebten Probleme auftreten. Dies wiederum ermöglicht vielen Menschen, "von außen" draufzuschauen und allein durch den Abstand wieder mehr Handlungsfähigkeit zu verspüren und eher klare Ideen (ggf. mit Unterstützung) formulieren zu können. Diese Prozesse sind inmitten des Alltags und inmitten der Kontexte, um die es geht, oftmals sehr viel schwieriger anzustoßen.

2. Zudem ist die Therapiedichte in Reha oft deutlich höher, als man zu Hause Zugang zu solchen Therapien hätte (wenn man diesen Zugang zu Hause überhaupt hätte). Mit anderen Worten: Man macht in Reha mehr in kürzerer Zeit.

3. Für viele Menschen ist die Gemeinschaft mit Menschen, die mit ähnlichen Schwierigkeiten zu tun haben, ein weiterer wichtiger Punkt, der für einen stationären Aufenthalt sprechen kann. Hier kommen für viele Menschen Aspekte wie "sich verstanden fühlen" und "sich nicht allein mit Thema/Problem X fühlen" ins Spiel.


Was ist, wenn ich "anders" wieder nach Hause komme?

Manchmal habe ich hierauf schon provokant zurückgefragt: Ist das nicht das Ziel? Auf der einen Seite sicher ja. Aber ich glaube, viele Menschen (oder manchmal auch deren Umfeld) befürchten hinter dieser oder ähnlichen Fragen eher, dass die betroffene Person komplett verändert zurückkommt, beispielsweise egoistisch oder ähnliches. Meiner Erfahrung nach kommen Menschen nicht so drastisch verändert aus Reha wieder zurück - immerhin ist eine Reha nur wenige Woche, was eine kurze Zeit ist, um mit Menschen große Veränderungen zu erarbeiten. Vielmehr geht es in Reha, glaube ich, um kleinere Veränderungen, die jedoch große Auswirkungen in den relevanten Beziehungen zu Hause mit sich bringen können - dahingehend stimmt es schon, dass etwas "anders" sein kann. Mit der Rückkehr aus der Reha zurück in die heimatlichen Kontexte werde ich mich in einem weiteren Beitrag in Kürze ausführlicher befassen. Gerne möchte ich an der Stelle noch festhalten: Menschen steuern autonom ihre Veränderungsprozesse, d.h. innerhalb der Reha geschehen keine Veränderungen, die für die Person nicht stimmig sind, denn dann würde es auch nicht funktionieren.


Komme ich nach Hause und meine Probleme sind gelöst?

In aller Regel nein - allein schon deswegen nicht, weil diese Frage implizieren würde, dass die Probleme, die jemanden in Reha führen, fernab der heimatlichen Kontexte lösbar wären. Da die Probleme aber genau in diesen Kontexten zu Hause erlebt werden (und auch Beziehungsauswirkungen haben), müssen sie oftmals auch genau dort verändert werden.

Nehmen wir als Beispiel eine Person, die sich nur unzureichend abgrenzen (nein sagen) kann und dadurch immer wieder in Überforderungsmomente kommt. Wenn das Problem schon länger besteht, ist davon auszugehen, dass das Umfeld der Person Erwartungen und Umgangsformen mit dieser Person entwickelt hat, die dazu führen, dass das Problem der zu geringen Abgrenzung und resultierenden Überforderung bestehen/aufrecht bleibt (bspw. weil sie erwarten, dass diese Person bei der nächsten Anfrage wieder "Ja" sagt, wie schon so oft zuvor). D.h. man kann davon ausgehen, dass problemstabilisierende Muster entstanden sind. Wenn jetzt diese Person in Reha an einer Verbesserung ihrer Abgrenzungsfähigkeit arbeitet, ist sie damit nicht "fertig", sondern der wichtige Teil des Prozesses geht an dieser Stelle weiter: das Umsetzen der Veränderung im Heimatkontext, wo erstmal alte Erwartungen und Einladungen warten (wie gesagt, auf den Transfer in den Alltag gehe ich in einem anderen Beitrag ein). Jedenfalls halte ich es allein aus diesem Gedanken heraus für meinst nicht möglich, dass Probleme in Reha "gelöst" werden können. Hinzu kommt noch die Kürze der Zeit in der Reha (wenige Wochen). Dies alles wirft die Frage auf:


Wofür kann die Zeit in Reha dann nützlich sein?

Ich bezeichne Reha gerne als Impuls-Werkstatt: Ein Ort, an dem mit Abstand zum Alltag und mithilfe der verschiedenartigen Therapieangebote Impulse zu verschiedenen Themen erarbeitet und gewonnen werden können. Impuls heißt für mich auch, etwas wirkt nach, sodass sich manchmal Veränderungen anders ergeben, als manche es anfangs erwartet hätten. Anders gesagt: Veränderungsprozesse im psychotherapeutischen Bereich sind meist nicht einfach kognitiv planbar, sondern häufig handelt es sich um Anstöße, die sich entwickeln und nachwirken und dann vielleicht zu neuen Überlegungen/Fragen/Ansätzen führen, von wo aus man dann weiter arbeitet. Und manchmal zeigt sich die Nützlichkeit eines Impulses auch erst im Alltag nach der Reha. Auch habe ich die Erfahrung gemacht, dass nützliche Impulse gerade auf die Arten entstehen können, von der die Person es nicht erwartet hätte. Da in Reha verschiedenartige Therapien angeboten werden, können gerade darüber verschiedenartige Zugänge zu Themen ermöglicht werden, die zu hilfreichen Impulsen führen können. Mit anderen Worten, die eigene Komfortzone verlassen und etwas ausprobieren, was man normalerweise nicht tun würde, kann besonders lohnenswert sein.

Mit diesen Impulsen "bewaffnet" kehren dann die Menschen in ihren Alltag und die Heimatkontexte zurück. Das Umsetzen der neuen Veränderungsimpulse gestaltet sich nicht selten als weitaus schwieriger als das Erarbeiten der Impulse. Hier kann es hilfreich sein, über die Reha hinaus professionelle Unterstützung zu haben. Aber wie gesagt, zu diesem Aspekt (Rückkehr aus der Reha und Mitnehmen von Veränderungsimpulsen) in einem weiteren Beitrag mehr...


Bis hierhin erstmal... vielleicht sehen wir uns ja in Reha wieder ;-)



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