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  • AutorenbildManuel Schmerer

Trauer - und die Transformation von Beziehung

Einen geliebten Menschen zu verlieren ist für viele Menschen ein schweres Ereignis - was kann helfen?


Die meisten Menschen werden irgendwann in ihrem Leben die Erfahrung machen, einen nahe stehenden Menschen zu verlieren. Auch der Verlust eines Haustieres kann einen tiefen Trauerprozess auslösen. Ich möchte Ihnen hier ein Buch vorstellen, was ich schon vielen Menschen auf diesem schwierigen Weg empfohlen habe und was, wie ich finde, in sehr praktischer, verständlicher Weise Ansätze im Umgang mit Trauer beschreibt.

Ein Buch, viele Anregungen

Das Buch heißt "Meine Trauer wird dich finden" von Roland Kachler (2017) im Verlag Herder. Roland Kachler ist Psychotherapeut und Theologe mit eigener Praxis im Raum Stuttgart. Er selbst hat seinen Sohn im Alter von 16 Jahren durch einen Unfall verloren. Einige Aspekte seines Buches, so wie ich es erlebt habe und verstehe, möchte ich Ihnen hier zusammenfassen.


Trauer - ein ambivalenter Prozess

Wenn ein Mensch verstirbt, hören nicht wenige Hinterbliebene irgendwann Sätze wie "man müsse loslassen oder abschließen mit der Trauer", "nach vorne schauen, weiterleben, sich neue Ziele setzen, sich auf sich selbst wieder mehr konzentrieren". Ich habe auch schon Menschen getroffen, die den Ratschlag erhalten haben, "man müsse die Dinge so akzeptieren, es sei doch jetzt nicht mehr zu ändern". Oder wieder ein anderer Klient erzählte mir, ein Arbeitskollege habe ihn gefragt, "ob er immer noch trauere, der Tod seiner Mutter sei doch schon 3 Monate her". Ich bin überzeugt, oftmals sind diese Aussagen gut gemeint mit einem aufrichtigen Interesse daran, der trauernden Person Unterstützung anzubieten. Ich möchte also keineswegs die gute Absicht hinter diesen Ratschlägen in Frage stellen. Jedoch haben diese Sätze oft keine hilfreiche Auswirkung auf die Person, die es hört.

Diese Art von Ratschlägen legen der Person nahe, sich in Richtung Gegenwart und Zukunft zu orientieren. Und sicherlich ist an diesem Ansatz etwas Nützliches dran. Und vom Kopf her können einige Trauernde diesem Ansatz auch zustimmen. Aber für Viele ist dieser gegenwarts- und zukunftsorientierte Ansatz vom Gefühl her nicht stimmig - denn Viele entdecken in sich eine Seite, die nicht loslassen oder nach vorne schauen will! Wer trauert, fühlt sich oft eng verbunden mit Gefühlen, Erinnerungen, Gedanken und mehr, die die verstorbene Person betreffen, die jetzt tragischerweise ein Teil ihrer Vergangenheit ist. Dies ist eine zentrale ambivalente Position, in der sich Trauernde befinden: sie sind eng verbunden oder gar absorbiert mit etwas, das sie in der Vergangenheit sehen - während sie von Anderen den Ratschlag bekommen oder auch sich selbst vornehmen, wieder in Gegenwart/Zukunft blicken zu sollen.

Dies sind (auf den ersten Blick) zwei unvereinbare Bestrebungen. Wie soll man in die die Zukunft gehen, wenn man gerade beschäftigt ist mit der Vergangenheit?

Viele Betroffene kennen dieses innerliche Hin und Her. Im einen Moment denkt man an die Vergangenheit, vielleicht an besondere Momente mit der verstorbenen Person, im nächsten Moment ermahnt man sich selbst, damit aufhören und in die Zukunft blicken zu sollen. Hin und her. Diese inneren "Richtungswechsel" können von einer Sekunde zur nächsten passieren. Und sie können viel Kraft kosten.

Eine andere Art der Betrachtung

Hypnosystemisch betrachtet lässt sich sagen, dass in den Prozessen, die wir Trauer nennen, eine Beziehung zu einer verstorbenen Person im Inneren weiter besteht, die in der äußeren Realität nicht mehr stattfindet. Mit anderen Worten, auch nachdem eine Person verstorben ist, gibt es weiterhin eine Beziehung zu dieser Person. Natürlich in einer anderen Art und Weise, da es im Außen keine Interaktion mehr gibt, aber im Inneren existiert diese Beziehung weiterhin. Und es ließe sich sagen, alle Erinnerungen, Gedanken und Gefühle, die mit Trauer in Verbindung gebracht werden, sind Ausdruck dieser inneren Beziehung, die nun anders gelebt wird als vorher. Dabei handelt es sich nicht um eine gleichbleibende Beziehung, sondern um eine sich andauernd weiter verändernde und entwickelnde Beziehung. In einem Moment wird diese Beziehung vielleicht dominiert von Sehnsucht, im nächsten Moment von Dankbarkeit, im nächsten von Erinnerungen an ein schönes Ereignis zusammen mit der verstorbenen Person. Für einige Menschen, mit denen ich gearbeitet habe, hat diese Vorstellung, dass es weiterhin eine Beziehung zu der Person gibt, etwas sehr ansprechendes, manchmal sogar beruhigendes. In einer äußeren "reelen" Art ist die Beziehung beendet, gleichzeitig wird die Beziehung im Inneren weitergelebt.


Ambivalenz als Balance-Kompetenz in der Transformation der Beziehung

Zurück zur Ambivalenz in der Trauer, über die ich eben sprach: Denkt man diese Überlegungen zu Ende, könnte man sagen, dass die vermeintliche Bestrebung in die Vergangenheit (Gedanken, Gefühle, Erinnerungen an die verstorbene Person), von der ich eben sprach, gar keine "Vergangenheit" ist, sondern Ausdruck einer Beziehungsgestaltung in der Gegenwart! All unser Erleben und Reagieren findet ohnehin in der Gegenwart statt (wir leben ja nur jetzt). Aus dieser Sichtweise sind alle Prozesse der Trauer (auch wenn sie vergangene Ereignisse betreffen) eine gelebte Beziehung in der Gegenwart.

Ich glaube, für viele Menschen ist diese Überlegung am Ende gar nicht so weit weg von dem, was sie ohnehin schon tun. Viele Menschen, die eine andere Person verloren haben, finden sich irgendwann in Situationen wieder, in denen sie sich denken "wenn der/die Andere jetzt hier wäre". Oder sie reden weiterhin mit der verstorbenen Person - möglicherweise innerlich, vielleicht auch mit einem Bild. Manche fragen die verstorbene Person um Rat. Dies sind alles Prozesse, die in der Gegenwart stattfinden und somit lässt sich sagen, dass Trauerprozesse Ausdruck einer Beziehung in der Gegenwart sind.

Wenn man nun sagt, Trauer wohnt eine gewisse Ambivalenz inne: Einerseits Verbundenheit im Inneren mit der verstorbenen Person (mit dem, was manche "Vergangenheit" nennen, was aber streng genommen Gegenwartsphänomene sind, wie wir ja gerade festgestellt haben) und andererseits Verbundenheit mit der "äußeren Realität", den eigenen Bedürfnisse, Zielen, dem Funktionieren im Alltag... dann bedeutet das, dass diese ambivalenten Bestrebungen eine Aufgabe und Chance darstellen, die bestmögliche Balance zu finden sozusagen in der Nähe-Distanz-Regulation in der Beziehung zur verstorbenen Person (wie ich dazu komme, Ambivalenz als Balance-Kompetenz zu bezeichnen, dazu in einem weiteren Beitrag mehr). Sozusagen die Aufgabe und Chance, immer wieder zu gucken, wie kann man die auftauchenden Trauer-Phänomene (Gedanken, Gefühle, Erinnerungen, etc.) im richtigen Maß ausleben - ohne sie zu unterdrücken und auch ohne von ihnen den ganzen Tag absorbiert zu werden. Und genau damit, wie das praktisch gelebt werden kann, beschäftigt sich aus meiner Sicht das Buch von Roland Kachler.

Es geht also im Kern darum, gerade nicht "loszulassen" oder "abzuschließen" (wie es viele Ratschläge uns nahe legen), sondern gezielt Beziehung in der Gegenwart mit der verstorbenen Person zu gestalten und zu leben! Im richtigen Maß, zur richtigen Zeit, am richtigen Ort. Selbstverständlich ist das nicht die gleiche Beziehung wie zu der Zeit, als die Person noch gelebt hat. Es ist eine andere Art der Beziehung, eine neue Beziehung.


Wenn Sie betroffen sind, wünsche ich Ihnen auf diesem (oft schwierigen) Weg viel Kraft.

Vielen Dank für's Lesen.

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